
Im Mittelpunkt standen die Lebensrealitäten von Vätern, aktuelle Herausforderungen in der Vaterrolle und die Frage, wie aktives Vatersein gesellschaftlich besser unterstützt werden kann. Da Interviews aus redaktionellen Gründen oft gekürzt erscheinen, veröffentlichen wir an dieser Stelle die ungekürzte Fassung. Sie gibt einen vertieften Einblick in die Sicht der Männerberatung des EFZ: wertschätzend gegenüber Vätern, ohne Mütter aus dem Blick zu verlieren – und mit dem Anliegen, Familien insgesamt zu stärken.
Bohuslav Bereta: Der Vatertag löst bei Vätern sehr unterschiedliche Gefühle aus. Für viele ist er ein schöner Anlass der Anerkennung. Für andere bringt dieser Tag aber auch Traurigkeit mit sich – etwa bei familiären Krisen, nach einer Trennung mit erschwertem Kontakt zu den Kindern oder wenn Partnerschaftskonflikte die Elternrolle überschatten. In der Männerberatung erleben wir, wie tiefgreifend solche Belastungen für Männer sein können. Hier treffen Trauer, Schuldgefühle und Ohnmacht oft auf ganz konkrete finanzielle Sorgen – gerade bei getrennten Vätern, die häufig eine doppelte Last tragen. Besonders schwierig wird es, wenn Kinder in die Konflikte der Erwachsenen hineingezogen werden. Am Ende leiden darunter alle: Kinder, Mütter und Väter gleichermaßen.
Gleichzeitig beobachten wir einen positiven Wandel: Vor allem jüngere Väter bringen sich heute deutlich aktiver ein als frühere Generationen. Der Anblick eines stolzen Vaters mit Kinderwagen, auf dem Spielplatz, beim Kinderarzt oder im Erziehungsalltag ist längst viel selbstverständlicher geworden. Das ist eine erfreuliche Entwicklung. Dennoch bleibt wahr: Care-Arbeit wird gesellschaftlich nach wie vor überwiegend Müttern zugeschrieben und daher auch meist von Frauen geleistet. Das dürfen wir nicht ausblenden. Den Vatertag ernst zu nehmen heißt deshalb nicht, Mütter abzuwerten. Internationale Aktionstage sind keine reinen Feiertage, sondern auch gesellschaftliche Würdigungen und Appelle. Der Vatertag erfüllt genau diese doppelte Funktion: Er würdigt Väter und erinnert uns zugleich daran, aktives Vatersein ernst zu nehmen, zu ermöglichen und nachhaltig zu stärken.
Bohuslav Bereta: Aus unserer Beratungserfahrung sehen wir, dass viele moderne Väter in einem Rollenkonflikt stehen. Einerseits wollen sie emotional präsente Väter sein und Verantwortung in der Familie übernehmen. Andererseits erleben sie in der Arbeitswelt und oft auch im gesellschaftlichen Umfeld noch immer die starke Erwartung, vor allem der verlässliche Familienernährer zu sein. Viele Männer, die zu uns in die Beratung kommen, wollen mehr Verantwortung übernehmen. Sie wollen nicht nur „helfen“, sondern wirklich Vater sein. Strukturell stoßen sie dabei aber oft an Grenzen. Vaterkarenz ist leider noch immer weniger selbstverständlich, als wir uns das wünschen würden. In vielen Betrieben wird sie nicht aktiv gefördert. Manchmal haben Männer auch Sorge, beruflich Nachteile zu erleben, wenn sie länger ausfallen oder Arbeitszeit reduzieren.
Dazu kommt die finanzielle Frage. Wenn Männer in vielen Familien mehr verdienen, entscheiden Paare oft aus wirtschaftlichen Gründen, dass der Mann stärker im Beruf bleibt und die Frau mehr Care-Arbeit übernimmt. Das ist nicht einfach eine persönliche Entscheidung, sondern hängt mit größeren gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Strukturen zusammen – etwa mit Einkommensunterschieden, Unternehmenskulturen und traditionellen Rollenbildern. Es braucht daher nicht nur motivierte Väter, sondern auch Arbeitsplätze, die Vatersein ermöglichen: flexible Arbeitszeiten, Teilzeitmodelle, weniger ständige Erreichbarkeit und eine Kultur, in der ein Mann nicht als weniger engagiert gilt, nur weil er Zeit für seine Kinder braucht.
Bohuslav Bereta: Männer sind heute mit vielen Erwartungen konfrontiert – und diese Erwartungen widersprechen einander oft. Sie sollen gute Väter sein, beruflich zuverlässig funktionieren, Partner sein, vielleicht auch im Verein oder Ehrenamt präsent sein, fit bleiben und emotional erreichbar sein. All dem gleichzeitig gerecht zu werden, ist kaum möglich. Viele Männer erleben dadurch einen hohen Druck. Sie möchten mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen, sehen aber zugleich die finanzielle Verantwortung. Besonders dann, wenn sie Hauptverdiener sind, entsteht ein Spannungsfeld: Der Wunsch nach Nähe zur Familie ist da, aber der Alltag lässt oft wenig Raum dafür. Das kann frustrieren und manchmal auch dazu führen, dass Männer sich zurückziehen oder innerlich erschöpfen. In der Beratung geht es oft darum, diesen Druck zuerst einmal zu sortieren. Was sind echte Verpflichtungen? Was sind Erwartungen von außen? Was ist ein altes Rollenbild, das vielleicht gar nicht mehr passt? Und was ist mir als Vater wirklich wichtig?
Gefährlich wird es, wenn Männer auf die Rolle des Familienernährers reduziert werden und Frauen auf die Rolle der Hauptverantwortlichen für Haushalt und Kinder. Das ist für beide Seiten belastend. Dann wird der Vater schnell zum „Assistenten“ in der Care-Arbeit, während die Mutter automatisch als Expertin für alles gilt. Das ist keine Schuldfrage, sondern ein Muster, in das viele Paare hineinrutschen. Wichtig wäre, dass Väter einen eigenen Zugang zu ihren Kindern entwickeln dürfen. Sie müssen nicht alles genauso machen wie die Mutter. Sie dürfen anders trösten, anders spielen, anders kochen, anders einen Ausflug vorbereiten. Entscheidend ist nicht, dass beide Eltern alles identisch machen, sondern dass beide Verantwortung übernehmen und als wichtige Bezugspersonen ernst genommen werden.
Bohuslav Bereta: Ich würde mir wünschen, dass wir Väter stärker sehen – nicht erst dann, wenn etwas schwierig wird, sondern auch in ihrem Bemühen, präsent zu sein. Viele Männer wollen gute Väter sein. Sie wollen Beziehung gestalten, Verantwortung übernehmen und für ihre Kinder da sein. Dafür brauchen sie Ermutigung und Rahmenbedingungen, die das möglich machen. Gesellschaftlich wünsche ich mir weniger Misstrauen gegenüber Vätern. Politisch braucht es Rahmenbedingungen, die eine faire Aufteilung von Erwerbsarbeit und Familienarbeit erleichtern. Und am Arbeitsplatz braucht es eine Kultur, in der Vatersein nicht als Störung gilt, sondern als selbstverständlicher Teil des Lebens. Flexible Arbeitszeiten, Teilzeitmöglichkeiten und Verständnis für familiäre Verantwortung wären hier sehr wichtig.
Einem jungen Vater würde ich sagen: Warte nicht auf den perfekten Moment. Beziehung zu deinem Kind entsteht im Alltag – beim Wickeln, Spielen, Zuhören, Trösten, Grenzen-Setzen und Dableiben. Du musst kein perfekter Vater sein. Aber du solltest präsent sein. Und: Du darfst deinen eigenen väterlichen Weg finden. Du musst nicht alles so machen, wie andere es erwarten. Vatersein darf auch Freude machen. Es braucht Mut, Verantwortung zu übernehmen, aber auch Mut, gut für sich selbst zu sorgen. Wer als Vater nur funktioniert, verliert irgendwann die Freude. Wer aber auf sich achtet, kann oft auch gelassener, liebevoller und verlässlicher für seine Familie da sein. Ich persönlich habe das selbst sehr konkret erlebt. Viele Männer verkaufen ihr Motorrad, sobald ein Kind unterwegs ist. Bei mir war es umgekehrt: Mit dem ersten Kind habe ich mir mein erstes Motorrad gegönnt. Nicht, weil ich weniger Vater sein wollte, sondern weil ich gemerkt habe, dass ich auch eigene Kraftquellen brauche. Von einer Motorradausfahrt bin ich oft entspannter, freier und mit großer Freude auf meine Familie zurückgekommen. Genau darum geht es: Väter dürfen Verantwortung übernehmen und zugleich gut auf sich achten.
Ein Blick von außen kann dabei sehr helfen. In der Männerberatung begleiten wir Männer, die sich mit ihren Erfahrungen auseinandersetzen wollen oder in eine Krise geraten sind – diskret, respektvoll und mit dem Ziel, wieder mehr Klarheit, Handlungsspielraum und Freude am Gestalten des eigenen Lebens zu gewinnen.
Neben spezifischen Angeboten anderer Einrichtungen und selbstständiger Praxen bietet das EFZ als einzige Einrichtung in Vorarlberg seit 2002 niederschwellig zugängliche, anerkannte psychosoziale Männerberatung im Auftrag des Bundeskanzleramts im Rahmen des bundesweiten Netzwerks der Familienberatungsstellen an. In persönlichen Krisen, bei belastenden Partnerschafts- oder Familienkonflikten, in Trennungs- und Scheidungssituationen oder bei anderen schwierigen Themen können Männer in den Beratungsstellen in Feldkirch, Dornbirn oder Bregenz gegen freiwilligen Kostenbeitrag professionelle Hilfe in Anspruch nehmen – mit oder ohne Termin. verantwortlich.
Mehr dazu: www.efz.at/maennerberatung