
Das Schreiben gilt als wichtige Neuausrichtung der kirchlichen Sicht auf Beziehungen und Liebe. Die große Wertschätzung von Leidenschaft, Zärtlichkeit und Erotik in der Partnerschaft als Geschenk Gottes sowie die Würdigung der Sexualität als Form zwischenmenschlicher Kommunikation ließen aufhorchen. Ebenso sein Appell zu einem entspannten und menschlicheren Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen und mit homosexuellen Menschen. Papst Franziskus bringt eine Dimension der Barmherzigkeit in die Anwendung der kirchlichen Morallehre ein, mahnt zu „einer realistischeren Sicht“ und erklärt, dass nicht alle moralischen oder pastoralen Fragen durch ein lehramtliches Eingreifen entschieden werden sollten.
Im Hinblick auf gelingende Beziehungen wünscht er sich eine bessere Vorbereitung junger Paare auf die Ehe. Zugleich räumt er den Bischöfen mehr Eigenständigkeit in der Auslegung und Anwendung der kirchlichen Lehre ein und plädiert für mehr Barmherzigkeit auch in Fragen der Ehenichtigkeit und ihrer Folgen.
Seine ausgesprochen positive Würdigung der menschlichen Sexualität schließt eine respektvolle Partnerschaft auf Augenhöhe ein. Ebenso betont er die Gleichberechtigung von Mann und Frau in allen Bereichen des Lebens. Besonders hebt er die Würde der Frau hervor und verurteilt jede Form von Diskriminierung und Gewalt gegen Frauen.
Die „Freude der Liebe“ brachte vor zehn Jahren in der katholischen Welt Aufatmen, Erleichterung und Freude. Das Schreiben stellt die Balance zwischen der Lebendigkeit von Beziehungen und den festgelegten Rahmenbedingungen wieder her. In der Kirchengeschichte kommt es immer wieder zu einer Verschiebung der Perspektive zugunsten der Formalität. Amoris laetitia erinnert hier ein wenig an das Wort Jesu: „Der Sabbat ist für den Menschen da“ (Mk 2,27). Jesus betont damit, dass der Ruhetag ein Geschenk Gottes zur Erholung des Menschen ist und keine Last mit einem Katalog von Verboten.
Morallehre, Dogmatik und Liturgie sind wertvolle Orientierungspfeiler für die christliche Lebensweise. Die kirchliche Lehre und die über Jahrhunderte gesammelte Erfahrung bieten einen Rahmen und eine Hilfe für die vielleicht wichtigste menschliche Aufgabe: Beziehung. Die Kernaussage der Botschaft Jesu war nichts anderes als „Abba, Vater“ – eine Einladung in die persönliche, leidenschaftliche Beziehung mit Gott und als seine Kinder in die Liebe untereinander. Aus dieser Perspektive knüpft Amoris laetitia an das Zweite Vatikanische Konzil an, das das kirchliche Tun auf die innigste Beziehung zu Gott und der Menschen untereinander ausrichtet (Lumen gentium). Die „Freude der Liebe“ erinnert somit an das Evangelium und an das Konzil. Sie setzt neue Prioritäten und korrigiert manche Haltung, die sich zwischendurch eingeschlichen hat. Sie stellt die Freude der Menschen aneinander in den Vordergrund und bietet Barmherzigkeit als Alternative zu einem rigiden Bewerten mancher Familienkonstellationen, die der Komplexität des Lebens und der menschlichen Schwäche geschuldet sind.
Das Schreiben Amoris Laetitia stärkt und bestätigt unsere Arbeit und unsere Haltung im EFZ. Unsere Angebote an Menschen, die Unterstützung suchen, begegnen bei uns der fachlichen Professionalität und der menschlichen Zuwendung. Sei es in der Ehevorbereitung, in der Sexualpädagogik, in der Regenbogenpastoral, in der Familienberatung oder in der Begleitung in der Trennungssituation. Wir sehen unsere Aufgabe darin, mit den Menschen unabhängig von Religion, Alter, Herkunft, Geschlecht und sexueller Orientierung bzw. Beziehungsstatus eine Perspektive zu erarbeiten, die Ihnen mehr Freude am Leben bereitet. Und selbst mit Freude an unserer Aufgabe innerhalb der Diözese Feldkirch sehen wir uns der Vision von Papst Franziskus verpflichtet, das Gelingen in den menschlichen Beziehungen zu fördern.
Bohuslav Bereta