
Das Nachrichtenportal VOL.AT hat am 19. Juli 2026 ein Interview mit der Sexualpädagogin Nina Leopold vom EFZ unter dem Titel „Nicht früher Sex ist das Problem – sondern der Druck davor“ veröffentlicht. Interviews erscheinen aus redaktionellen Gründen häufig in gekürzter Form. Deshalb veröffentlichen wir an dieser Stelle die ausführliche Fassung. Sie gibt einen vertieften Einblick in die sexualpädagogischen Zugänge und Grundhaltungen, die unsere Arbeit im EFZ prägen.
Jugendliche kommen heute früher und häufiger mit sexualisierten Inhalten, Körperbildern und Vorstellungen von Beziehungen in Berührung – vor allem über soziale Medien und das Internet. Die aktuellen Daten zeigen jedoch nicht, dass sie deshalb generell früher sexuell aktiv werden.
Laut der deutschen BIÖG-Jugendsexualitätsstudie 2025 hatten 18 Prozent der 14- bis 17-Jährigen bereits Geschlechtsverkehr. Im Jahr 2019 waren es noch 28 Prozent. Auch internationale HBSC-Daten zeigen keinen Anstieg sehr früher sexueller Erfahrungen vor dem 14. Lebensjahr. Der Anteil ging in 37 untersuchten Ländern von sechs Prozent im Jahr 2002 auf vier Prozent im Jahr 2022 zurück.
Sexualität ist heute früher sichtbar und medial präsenter – sie wird aber nicht automatisch früher gelebt. Viele Jugendliche warten heute sogar länger mit dem ersten Geschlechtsverkehr. Besonders deutlich zeigt sich das bei den 17-Jährigen: 2019 hatten 61 Prozent bereits Geschlechtsverkehr, 2025 waren es 40 Prozent.
Gibt es Unterschiede zwischen Mädchen und Burschen hinsichtlich ihrer sexuellen Entwicklung und ihrer ersten Erfahrungen?
Unterschiede gibt es, sie sind aber nicht so eindeutig, wie häufig angenommen wird. Internationale HBSC-Daten zeigen, dass Burschen etwas häufiger über sehr frühe sexuelle Erfahrungen berichten als Mädchen. Gleichzeitig hängen solche Unterschiede stark vom Alter, vom sozialen und kulturellen Umfeld sowie von den jeweiligen Beziehungserfahrungen ab.
Deshalb lässt sich nicht pauschal sagen, dass Mädchen oder Burschen grundsätzlich früher dran sind. Jeder junge Mensch entwickelt sich in seinem eigenen Tempo. Es lohnt sich, genau hinzuschauen, anstatt vorschnell zu verallgemeinern.
Die körperliche Pubertät setzt bei vielen Kindern früher ein. Bedeutet das automatisch, dass Jugendliche auch emotional und sexuell früher reif sind?
Nein. Der Körper kann früher pubertieren, die emotionale Entwicklung erhält dadurch aber keinen automatischen Vorsprung. Körperliche, geistige, emotionale und soziale Entwicklung verlaufen nicht immer gleichzeitig.
Ein Kind kann äußerlich bereits sehr erwachsen wirken und innerlich trotzdem noch kindliche Bedürfnisse, Ängste und Bewältigungsstrategien haben. Gerade früh entwickelte Kinder werden von ihrem Umfeld manchmal älter eingeschätzt und mit Erwartungen konfrontiert, die sie überfordern. Sie brauchen weiterhin eine altersgerechte Begleitung und klare Grenzen, die ihnen Schutz und Sicherheit geben.
Sexuelle Reife bedeutet außerdem mehr als körperliche Fortpflanzungsfähigkeit. Dazu gehören die Fähigkeit, eigene Bedürfnisse wahrzunehmen, persönliche Grenzen zu erkennen, die Grenzen anderer zu respektieren und mögliche Folgen abzuschätzen. Ebenso wichtig ist es, sich nicht aus Angst, unter Druck oder aus dem Wunsch nach Anerkennung auf etwas einzulassen. Körperliche Entwicklung und emotionale Reife müssen deshalb klar voneinander unterschieden werden.
Welche Rolle spielen soziale Medien wie TikTok, Instagram oder Snapchat bei der sexuellen Entwicklung von Jugendlichen?
Soziale Medien sind heute wichtige Räume für Orientierung, Zugehörigkeit und Selbstdarstellung. Jugendliche begegnen dort Körperbildern, Flirtverhalten, Beziehungsidealen, Geschlechterrollen und sexuellen Themen – meist nicht im Rahmen einer bewussten Aufklärung, sondern ganz nebenbei.
Das kann hilfreich sein, wenn junge Menschen dort gute Informationen, verständnisvolle Vorbilder oder Gemeinschaft finden. Gleichzeitig können soziale Medien den Druck, sich ständig zu vergleichen, sowie Fehlinformationen und unrealistische Erwartungen verstärken. Viele Jugendliche bekommen den Eindruck, alle anderen seien attraktiver, erfahrener oder selbstsicherer.
Die WHO/HBSC-Daten zeigen außerdem, dass problematische Social-Media-Nutzung bei Jugendlichen in Europa von sieben Prozent im Jahr 2018 auf elf Prozent im Jahr 2022 gestiegen ist. Junge Menschen brauchen deshalb nicht nur Medienkompetenz, sondern auch Erwachsene, mit denen sie das Gesehene offen und ohne Beschämung besprechen können.
Welchen Einfluss hat der einfache Zugang zu pornografischen Inhalten? Kommen Kinder und Jugendliche dadurch früher mit Sexualität in Berührung?
Kinder und Jugendliche können heute deutlich früher mit expliziten sexuellen Inhalten in Kontakt kommen – häufig auch unbeabsichtigt. Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass sie deshalb früher selbst sexuell aktiv werden.
Die Forschung zeigt Zusammenhänge zwischen Pornografiekonsum und bestimmten sexuellen Einstellungen oder Verhaltensweisen. Ein eindeutiger Nachweis, dass Pornografie allein ein früheres Sexualverhalten verursacht, ist jedoch schwierig. Pornografische Inhalte können Vorstellungen und Erwartungen beeinflussen, erklären aber nicht allein, wie Jugendliche mit Sexualität umgehen.
In unserer sexualpädagogischen Arbeit klären wir deshalb auf und sensibilisieren junge Menschen für einen respektvollen, selbstbestimmten und verantwortungsvollen Umgang mit Sexualität.
Wie beeinflusst Pornografie die Vorstellungen junger Menschen von Beziehungen, Sexualität und Körpern?
Pornografie ist inszeniert und keine Anleitung für gelebte Sexualität. Häufig werden ausgewählte Körper, ständige sexuelle Bereitschaft und bestimmte Vorstellungen von Leistung gezeigt. Nicht sichtbar werden dagegen alltägliche Unsicherheiten, notwendige Kommunikation und die menschliche Sehnsucht nach Nähe und Verbundenheit. Auch Verhütung, Einvernehmlichkeit sowie das Nachfragen nach Wünschen und Grenzen kommen oft kaum vor.
Problematisch wird es vor allem dann, wenn Jugendlichen andere Bilder, Informationen und Erfahrungen fehlen. Pornografie kann dann unbemerkt zu einem Maßstab werden.
Nicht jeder Kontakt mit Pornografie hat jedoch dieselbe Wirkung. Viele Jugendliche erkennen durchaus, dass das Gezeigte übertrieben oder unrealistisch ist. Entscheidend ist, ob sie die Gelegenheit erhalten, es kritisch einzuordnen. Deshalb sollten wir Jugendlichen Pornografiekompetenz vermitteln: Was ist inszeniert? Was wird nicht gezeigt? Und wie sieht respektvolle, freiwillige und verantwortungsvolle Sexualität im wirklichen Leben aus?
Sind Jugendliche heute besser über Sexualität informiert als früher – oder führt die große Informationsflut zu mehr Unsicherheit?
Jugendliche haben heute wesentlich mehr Informationsquellen als frühere Generationen. Mehr Information bedeutet jedoch nicht automatisch mehr Orientierung. Das Internet ist zu einem wichtigen Informationsraum geworden. Gleichzeitig müssen Jugendliche stärker unterscheiden lernen: Was ist fachlich richtig? Was ist Werbung? Was ist eine persönliche Meinung? Und was ist reine Inszenierung?
Es gibt heute mehr Wissen und mehr Begriffe, gleichzeitig aber auch große Unsicherheiten und einen hohen Bedarf an Einordnung. Hinter vielen Sachfragen steht letztlich eine sehr persönliche Sorge: Bin ich in Ordnung, so wie ich bin?
Mit welchen Fragen wenden sich Jugendliche besonders häufig an Sexualpädagoginnen und Sexualpädagogen?
Viele Fragen betreffen den eigenen Körper und die Sorge, nicht „normal“ zu sein: Ist meine körperliche Entwicklung in Ordnung? Sehe ich richtig aus? Sind meine Gefühle normal? Und wann ist der richtige Zeitpunkt für das erste Mal?
Auch Fragen zu Grenzen und Konsens nehmen viel Raum ein: Wie erkenne ich, ob ich etwas wirklich möchte? Wie sage ich Nein? Was kann ich tun, wenn jemand meine Grenze nicht respektiert? Und wie kann ich selbst sicherstellen, dass die andere Person einverstanden ist?
Jugendliche brauchen deshalb nicht nur korrekte Informationen, sondern auch einen geschützten und wertschätzenden Gesprächsraum, in dem ihre Fragen ernst genommen werden.
Hat sich das Interesse an Themen wie Verhütung, Konsens, sexueller Orientierung oder Geschlechtsidentität verändert?
Verhütung bleibt ein wichtiges Thema, die Fragen sind jedoch breiter geworden. Jugendliche interessieren sich heute verstärkt für Konsens, Beziehungsgestaltung, sexuelle Vielfalt, Geschlechtsidentität, digitale Intimität und den Umgang mit persönlichen Bildern.
Junge Menschen verfügen über mehr Begriffe, um ihre Erfahrungen und Gefühle zu benennen. Sie sprechen eher über persönliche Grenzen, Übergriffe, unterschiedliche Orientierungen oder das Gefühl, sich in klassischen Rollenbildern nicht wiederzufinden.
Gleichzeitig braucht es eine fachliche, ruhige und wertschätzende Begleitung. Nicht jede Unsicherheit muss sofort mit einer festen Kategorie beantwortet werden. Gute Sexualpädagogik vermittelt Wissen, begleitet Entwicklungsprozesse und nimmt Jugendliche ernst.
Welche Bedeutung haben Eltern heute noch als Ansprechpersonen für Fragen zur Sexualität?
Eltern sind sehr wichtige Bezugspersonen – auch wenn Jugendliche manchmal den Eindruck vermitteln, dass sie mit ihnen keinesfalls über Sexualität sprechen möchten. Entscheidend ist nicht, dass Eltern jede Frage sofort beantworten können. Viel wichtiger ist die Erfahrung des Kindes: Bei meinen Eltern darf ich auch mit schwierigen oder peinlichen Themen kommen, ohne ausgelacht, beschämt oder sofort bestraft zu werden.
Sexualerziehung beginnt lange vor dem ersten Gespräch über Geschlechtsverkehr. Sie findet beispielsweise statt, wenn Eltern Körperteile korrekt benennen, Gefühle ernst nehmen, die Privatsphäre ihrer Kinder respektieren und ihnen vermitteln, dass sie über ihren Körper mitbestimmen dürfen.
Sexualaufklärung sollte deshalb nicht als einmaliges Gespräch verstanden werden. Hilfreicher sind viele kleine, altersgerechte Gespräche im Alltag. Auch wenn Jugendliche manches lieber mit Gleichaltrigen besprechen, bleibt die Haltung der Eltern eine wichtige Orientierung.
Welche Rolle übernehmen Schulen und professionelle Sexualpädagogik?
Schulen und professionelle Sexualpädagogik können einen Raum schaffen, in dem alle Kinder und Jugendlichen verlässliche, fachlich fundierte und altersgerechte Informationen erhalten – unabhängig davon, wie offen in der Familie über diese Themen gesprochen wird. Sie ersetzen die Eltern nicht, sondern ergänzen die familiäre Sexualerziehung.
Sexualpädagogik darf sich dabei nicht auf Fortpflanzung und Verhütung beschränken. Sie sollte auch Körperwahrnehmung, Gefühle, Beziehungen, Grenzen, Konsens, sexuelle und geschlechtliche Vielfalt, Pornografie, digitale Medien und einen respektvollen Umgang miteinander einbeziehen.
Den größten Handlungsbedarf sehe ich bei kontinuierlichen Angeboten. Ein einzelner Workshop kann wichtige Impulse setzen. Sexualpädagogik sollte Kinder und Jugendliche jedoch altersgerecht durch verschiedene Entwicklungsphasen begleiten. Genau hier setzt der Bereich Liebe.Leben des EFZ an: mit sexualpädagogischen Workshops für Kinder und Jugendliche sowie mit Angeboten für Eltern, Schulen und pädagogische Fachkräfte.
Welche Warnsignale sollten Eltern ernst nehmen, wenn Kinder sehr früh mit sexuellen Inhalten in Kontakt kommen?
Neugier oder eine einzelne irritierende Frage sind noch kein Warnsignal. Kinder können versehentlich auf Bilder oder Inhalte stoßen, die sie nicht verstehen. Entscheidend ist, wie ein Kind darauf reagiert und ob sich sein Verhalten deutlich und über einen längeren Zeitraum verändert.
Ernst genommen werden sollten beispielsweise starke Ängste, Schlafprobleme, ausgeprägte Scham, Rückzug, Aggressivität, Konzentrationsprobleme oder ein plötzlicher Leistungsabfall. Auch ein auffällig zwanghaftes Suchen nach sexuellen Inhalten, stark altersunangemessenes sexualisiertes Verhalten, das Überschreiten der Grenzen anderer Kinder oder geheime Kontakte zu deutlich älteren Personen brauchen Aufmerksamkeit. Das gilt ebenso für Aufforderungen, persönliche Bilder zu versenden, sowie für Drohungen oder Erpressungsversuche.
Keines dieser Anzeichen beweist für sich allein, dass ein schwerwiegendes Problem vorliegt. Auffällige und anhaltende Veränderungen sollten jedoch ernst genommen, behutsam angesprochen und bei Bedarf mit einer Fachstelle abgeklärt werden.
Wie können Eltern ihre Kinder altersgerecht und offen beim Thema Sexualität begleiten?
Sexualaufklärung sollte nicht als einmaliges Gespräch verstanden werden, sondern als etwas, das von Anfang an geschieht. Das beginnt bereits im frühen Kindesalter: Körperteile werden richtig benannt und Fragen der Kinder offen, ruhig sowie entwicklungs- und altersgerecht beantwortet.
Kinder brauchen keine überfordernden Details, sondern ehrliche, einfache und stimmige Erklärungen, die ihrem jeweiligen Entwicklungsstand entsprechen. Wichtig ist außerdem, dass Sexualität in der Familie grundsätzlich besprechbar ist und nicht als peinliches oder verbotenes Thema erlebt wird.
Wenn Kinder früh erfahren, dass ihre Fragen ernst genommen werden und sie offen sprechen dürfen, entsteht Vertrauen. Diese Vertrauensbasis ist eine wichtige Voraussetzung dafür, dass sie sich später auch als Jugendliche mit Unsicherheiten, Erfahrungen oder Problemen an ihre Eltern wenden.
Welche Missverständnisse begegnen Ihnen in Ihrer Arbeit besonders häufig?
Ein verbreiteter Mythos lautet, Sexualaufklärung bringe Kinder erst auf sexuelle Ideen. Das Gegenteil ist der Fall: Alters- und entwicklungsgerechte Sexualpädagogik vermittelt Kindern Sprache, Wissen und vor allem Schutz.
Wer die eigenen Körperteile benennen und unangenehme Situationen einordnen kann, ist eher in der Lage, persönliche Grenzen auszudrücken und Hilfe zu holen.
Gibt es Entwicklungen, die Ihnen Sorgen bereiten, oder sehen Sie auch positive Veränderungen?
Ich sehe beides. Positiv ist, dass Jugendliche nach den aktuellen deutschen Daten eher später sexuell aktiv werden und beim ersten Geschlechtsverkehr meist verhüten. Viele junge Menschen sprechen heute außerdem bewusster über Konsens, Grenzen, Respekt und Vielfalt.
Sorgen bereiten mir weniger die Jugendlichen selbst als vielmehr die Räume, in denen sie Orientierung suchen: soziale Medien, Pornografie, Fehlinformationen, Körperdruck und problematische Rollenbilder.
Junge Menschen brauchen deshalb keine zusätzliche Panik und keine moralische Verurteilung. Sie brauchen verlässliche Informationen, gute Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner sowie eine wertschätzende Begleitung.
Welchen Rat möchten Sie Eltern, Lehrpersonen und Jugendlichen mitgeben?
Eltern würde ich sagen: Bleiben Sie ansprechbar, auch wenn Ihnen manche Fragen unangenehm sind. Vertrauen entsteht nicht durch perfekte Antworten, sondern durch Offenheit, Ruhe und echtes Interesse.
Lehrpersonen würde ich sagen: Behandeln Sie Sexualpädagogik nicht nur biologisch und nicht nur als einmaliges Projekt. Kinder und Jugendliche brauchen wiederkehrende Informationen über Körper, Beziehungen, Gefühle, Grenzen, digitale Medien und mögliche Hilfsangebote.
Jugendlichen würde ich sagen: Du bist in Ordnung, so wie du bist. Du musst nichts tun, um dazuzugehören oder anderen etwas zu beweisen. Du darfst dein eigenes Tempo haben, Fragen stellen, unsicher sein und deine Grenzen jederzeit ernst nehmen.
Nina Leopold
Liebe.Leben